Carnuntum – Wiedergeborene Stadt der Kaiser

Ein Beispiel für Grundlagenforschung, Experimentalarchäologie und Öffentlichkeitsarbeit

Do, 23. November 2017, 18.30
Vortrag in der Welser Straße 20

Mag. Franz Humer (Archäologiepark Carnuntum)

Carnuntum, die knapp 40 km östlich von Wien an der Donau gelegene ehemalige Hauptstadt der römischen Provinz Oberpannonien, wird erstmals für das Jahr 6 n. Chr. als keltische Stadt genannt. Dieses älteste Carnuntum lag vermutlich auf dem Burgberg von Bratislava (SK). Im Laufe des 1. Jhs. n. Chr. erfolgte nach Scheitern der römischen Expansion nach Germanien dann die Sicherung der Nordgrenze durch eine regelmäßige Abfolge von Legionsstandorten, Kastellen und Wachtürmen. Die legio XV Apollinaris errichtete um 40 n.Chr. in Carnuntum ein befestigtes Standlager am Südufer der Donau. Dieses bildete den Grundstein für die Entwicklung der späteren Metropole Carnuntum. Die Reste des Carnuntiner Lagers sind das einzige im Mittelalter und der Neuzeit nicht überbaute Legionslager zwischen Regensburg und Belgrad und daher eines der wichtigsten archäologischen Reservate am europäischen Donaulimes. Zusätzlich zur Infanterie im Legionslager wurden ein Reiterlager sowie Brückenkopfkastelle zur Sicherung der Donaubrücke in Bad Deutsch – Altenburg angelegt. Seit dem Jahr 106 n. Chr. war in Carnuntum die legio XIV Gemina Martia Victrix stationiert. Die Stadt war Kreuzungspunkt zweier alter europäischer Haupthandelswege: der Donau von West nach Ost und der Bernsteinstrasse von der Ostsee nach Italien. Der vollständige Name der Stadt lautete anfangs municipium Aelium Karnuntum. Die erste große Blütezeit unter den Kaisern Hadrian und Antoninus Pius wurde unter Kaiser Marc Aurel durch den Ausbruch der so genannten Markomannenkriege jäh unterbrochen. Unter Kaiser Septimius Severus, dem am 9. April 193 n. Chr. von seinen Truppen in Carnuntum zum Kaiser ausgerufenen Statthalter Oberpannonniens, wurde die Stadt dann zur colonia Septimia Aurelia Antoniniana Karnuntum erhoben. Seine bis 211 dauernde Regierung brachte eine Blütezeit für Carnuntum und die gesamte Provinz. Im Jahr 308 n. Chr. rückte Carnuntum erneut ins Zentrum der Weltpolitik. Das von Diokletian 293 n. Chr. geschaffene System der Tetrarchie (= Vierkaisertum) wurde in Carnuntum 308 n. Chr. nachverhandelt – ergebnislos! Während es noch in der Mitte des 4. Jhdts. trotz eines Erdbebens zu größerer Bautätigkeit in Carnuntum kam, wurden die Provinzen an der Donau aufgegeben und 433 n. Chr. offiziell an die Hunnen abgetreten. Militär und Verwaltung wurden abgezogen und mit ihnen wanderte auch die – nunmehr schutzlose – romanisierte Bevölkerung ab. Die Stadt wurde also nicht gewaltsam zerstört, sondern von ihren Bewohnern am Ende der Antike verlassen. Im Bereich des Lagers fanden sich dann noch Siedlungsspuren einer wohl slawischen Bevölkerung aus karolingischer Zeit.
Im Gegensatz zu vielen anderen Städten des nördlichen Limes (Köln, Mainz, Wiesbaden, Regensburg, Passau, Linz, Wien, Budapest etc.) wurden die Bauwerke Carnuntums im Mittelalter und der Neuzeit aber nicht durch neue Bauten überlagert, sondern verwandelten sich vielmehr in einen riesigen Steinbruch, der nach und nach abgetragen und für andere Bauten verwendet wurde. Die römischen Steine von Carnuntum sind so an vielen Bauwerken der Region zu finden
Die historische Region zwischen Wien und Bratislava, den beiden nahegelegensten Hauptstädten Europas, ist heute die größte archäologische Landschaft Mittel- und Südosteuropas. Der Umgang mit dem archäologischen Erbe in Carnuntum wird bewusst zurückhaltend versucht. Denn inmitten der relativ unberührten Donaulandschaft zwischen Wien und Bratislava ist die Stadt neben ihrer wissenschaftlichen Bedeutung als eine der wichtigsten Quellen antiker Kulturgeschichte in Mitteleuropa auch ein bedeutender Identifikationsfaktor als Bewahrer der römischen Vergangenheit und bietet darüber hinaus für die Zukunft auch Erfolg versprechende kulturtouristische Perspektiven.
Die Basis für jede Art der Präsentation ist eine fundierte wissenschaftliche Bestandsaufnahme, also wissenschaftliche Grundlagenforschung und der nachhaltige Schutz der originalen Reste. Dies zeigt sich etwa durch die in den letzten Jahren durchgeführten großflächigen Prospektionsmaßnahmen, die ein völlig neues Bild der Stadt gebracht haben und der behutsame Umgang mit den bereits in der Vergangenheit aufgedeckten archäologischen Denkmälern. Dies wird exemplarisch versucht, an bestimmten „hot-spots“ in der Römerstadt Carnuntum zu zeigen.
Ohne in den Boden einzugreifen, hat die Durchführung dieser Prospektionen samt der folgenden Auswertung der Daten der Geschichte von Carnuntum weitere spannende Kapitel hinzugefügt. Vor allem ist die Bedeutung für die zukünftige Nutzung der gewonnenen Ergebnisse für wissenschaftliche Folgeprojekte in Carnuntum, für Flächenwidmung und Raumordnung sowie die wirtschaftlich-touristische Nutzung noch gar nicht einschätzbar. Archäologie in Carnuntum wird auch in Zukunft nicht ohne feldarchäologische Untersuchungen auskommen können, doch durch diese Prospektionsergebnisse und den Ergebnissen der Expermimentalarchäologie kann nun gezielt auf bestimmte Fragestellungen effizient und wirtschaftlich geforscht werden.

Veranstaltungen

  • Carnuntum

    Do, 23. November 2017, 18.30
    Vortrag in der Welser Straße 20 Mag. Franz Humer (Archäologiepark Carnuntum) Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts fanden in Carnuntum mit Unterbrechungen immer wieder Ausgrabungen statt. Ein großer Teil der aufgedeckten Flächen wurde aber wieder zugeschüttet und ist heute bestenfalls noch als Geländedenkmal zu erkennen. Jedoch haben moderne Prospektions-methoden (Georadar, Luftbildarchäologie, Airborne Laser Scanning) in den letzten zehn Jahren wertvolle Informationen über die fast 10 km2 große Ausdehnung der antiken Stadt erbracht.

  • Neues aus dem römischen Noricum

    Do, 19. Oktober 2017, 18.30
    ACHTUNG! Geänderter Vortrag in der Welser Straße 20 Dr. Felix Lang (Universität Salzburg) Dr. Raimund Kastler (Salzburg Museum) Dr. Stefan Traxler (OÖ. Landesmuseum) In einem Kooperationsprojekt zwischen Universität Salzburg, Salzburg Museum und Oberösterreichischem Landesmuseum wurden die neuesten Erkenntnisse zur römischen Besiedlung im nordwestlichen Noricum zusammengetragen. Im Anschluss an den Vortrag kann die neu erschienene Publikation zum Thema für einen ermäßigten Preis von € 15 erworben werden.

  • Lebenszeichen aus Lauriacum

    Do, 28. September 2017, 18.30
    Vortrag in der Welser Straße 20 Mag. Maria Marschler (Naturhistorisches Museum Wien) Aktuelle Forschung zu römischen Skelettresten aus Enns im Vorfeld der OÖ Landesausstellung 2018

Literatur

  • lit_colloquium-baeder-S

    Stefan Traxler, Raimund Kastler (Hrsg.)
    Colloquium Lentia 2010: Römische Bäder in Raetien, Noricum und Pannonien. Beiträge zur Tagung im Schlossmuseum Linz, 6.–8. Mai 2010. Studien zur Kulturgeschichte von Oberösterreich Folge 27, 2012

  • Früchte der Venus. Begleitheft zur gleichnamigen Ausstellung im Museum Fronfeste

    Raimund Kastler, Felix Lang,
    Ingrid Weydemann (Hrsg.)

    Früchte der Venus. Begleitheft zur gleichnamigen Ausstellung im Museum Fronfeste – Stadt Neumarkt in Kooperation mit dem Salzburg Museum / Landesarchäologie

  • Schätze – Gräber – Opferplätze. Katalog zur Ausstellung im Kloster Traunkirchen

    Nikolaus Hofer (Red.)
    Schätze – Gräber – Opferplätze. Katalog zur Ausstellung im Kloster Traunkirchen vom 29. April bis 2. November 2008, Fundberichte aus Österreich, Materialhefte, Reihe A, Sonderheft 6, 2008

  • Archäologie und Landeskunde. Beiträge zur Tagung im Linzer Schlossmuseum 26. – 28. April 2007, Studien zur Kulturgeschichte von Oberösterreich 17, 2007

    Christine Schwanzer, Gerhard Winkler (Hrsg.)
    Archäologie und Landeskunde. Beiträge zur Tagung im Linzer Schlossmuseum 26. – 28. April 2007, Studien zur Kulturgeschichte von Oberösterreich 17, 2007

  • Prähistorische Textilkunst in Mitteleuropa. Geschichte des Handwerkes und der Kleidung vor den Römern, Veröffentlichungen der Prähistorischen Abteilung 4, 2010

    Karina Grömer
    Prähistorische Textilkunst in Mitteleuropa. Geschichte des Handwerkes und der Kleidung vor den Römern, Veröffentlichungen der Prähistorischen Abteilung 4, 2010

  • Das frühbronzezeitliche Gräberfeld von Haid, Oberösterreich, Studien zur Kulturgeschichte von Oberösterreich 20, 2009

    Martina Maria Reitberger
    Das frühbronzezeitliche Gräberfeld von Haid, Oberösterreich, Studien zur Kulturgeschichte von Oberösterreich 20, 2009

  • Salz – Reich. 7000 Jahre Hallstatt, Veröffentlichungen der Prähistorischen Abteilung 2, 2008

    Anton Kern, Kerstin Kowarik, Andreas Rausch, Hans Reschreiter (Hrsg.)
    Salz – Reich. 7000 Jahre Hallstatt, Veröffentlichungen der Prähistorischen Abteilung 2, 2008

  • Legio II Italica, Forschungen in Lauriacum 13, 2006

    Hans Petrovitsch
    Legio II Italica, Forschungen in Lauriacum 13, 2006

  • The autonomous towns of Noricum an Pannonia / Die autonomen Städte in Noricum und Pannonien, Situla 40 – 42, 2002-2004

    Marjeta Sasel Kos, Peter Scherrer (Hrsg.)
    The autonomous towns of Noricum an Pannonia / Die autonomen Städte in Noricum und Pannonien, Situla 40 – 42, 2002-2004

  • Die römischen Grabdenkmäler von Lauriacum und Lentia. Stein – Relief – Inschrift, Forschungen in Lauriacum 14, 2009

    Stefan Traxler
    Die römischen Grabdenkmäler von Lauriacum und Lentia. Stein – Relief – Inschrift, Forschungen in Lauriacum 14, 2009

  • Späte Altsteinzeit im Linzer Raum, Linzer Archäologische Forschungen, Sonderheft 43, 2009

    Alexander Binsteiner,
    Erwin M. Ruprechtsberger

    Späte Altsteinzeit im Linzer Raum, Linzer Archäologische Forschungen, Sonderheft 43, 2009

  • Varia Norica. Gesammelte Aufsätze 1969-2009, Forschungen in Lauriacum, Sonderband 2, 2010

    Gerhard Winkler
    Varia Norica. Gesammelte Aufsätze 1969-2009, Forschungen in Lauriacum, Sonderband 2, 2010

  • Urgeschichte(n) aus Linz und dem Linzer Raum, Linzer Archäologhische Forschungen 39, 2009

    Erwin M. Ruprechtsberger
    Urgeschichte(n) aus Linz und dem Linzer Raum, Linzer Archäologhische Forschungen 39, 2009

  • Interpretierte Eisenzeiten. Fallstudien, Methoden, Theorie.

    Raimund Karl, Jutta Leskovar (Hrsg.)
    Interpretierte Eisenzeiten. Fallstudien, Methoden, Theorie, Studien zur Kulturgeschichte von Oberösterreich, Folge 18, 19, 22 und 31, 2004 – 2012